AUSSTELLUNG

Layer Cake
Stefan Kreiger

Seit je her waren es immer die Menschen die überlebt haben, die sich weiterentwickeln konnten. Adaption, Anpassung und Neuinterpretation von Umständen und Umfeld, ökologisch wie sozial. Ein Thema das in der gegenwärtigen Krise nicht aktueller sein könnte. Es ist eine Eigenheit der Menschen, dass wir unserem Wissen hinterherhinken. Wir wissen, dass wir unsere Ökosphäre und damit unseren unmittelbaren Lebensraum zerstören. Wir wissen, dass die Systeme die uns so weit gebracht haben einer Überholung bedürfen. Wir wissen, dass die Verteilung der Ressourcen nicht gerecht passiert und vieles mehr. Unsere Unfähigkeit als größeres Kollektiv zu funktionieren wird jetzt besonders eklatant, in einer globalisierten Ära in der es so viele von uns gibt. Wir alle wollen Götter sein und tun uns doch so schwer auf Augenhöhe Menschen zu werden.

Weiterentwicklung ist das Stichwort. In seinen Werken generiert Stefan Kreiger im fortlaufenden Prozess der Bildübermalungen Protagonisten und Situationen, die sich verändern (müssen). Der Künstler überarbeitet kontinuierlich Gemälde seiner vergangenen Schaffensperioden. Aus diesem Ansatz heraus entstehen Bilderwelten, die auf der leeren Leinwand vielleicht nicht möglich wären. Die Serie umfasst mehrere Dutzend Werke verschiedenster Größe, von denen sich einige im dritten und vierten Durchlauf befinden. Viele davon waren in Ausstellungen zu sehen und wurden und werden danach dennoch wieder partiell oder komplett überarbeitet. Nach der Prämisse des Futurum exactum – der determinierten Zukunft, stünde es demnach vorher fest wann, in welcher Art und Weise und wie oft die Bilder einer Neukomposition unterzogen werden. Ein wiederkehrender Vorgang (wie oft dies geschieht, ist aus Standpunkt der Gegenwart noch nicht auszumachen) der in der Zukunft bereits vollendet sein wird. Bei diesem Zyklus handelt es sich außerdem um eine fortlaufende Interpretation von Brauchsels Scheuchen aus dem Roman Hundejahre von Günter Grass. Brauchsel entdeckt in der Erzählung sein Talent für das Herstellen von Vogelscheuchen. Es bleibt allerdings nicht bei Selbigen. Bald besitzt er sein eigenes Bergwerk in dem unter Tage in einer Art Massenproduktion Scheuchen zu jedweden Zweck gebaut werden. Kreiger´s Scheuchen (oder scares) werden, wie erwähnt, laufend wieder zum Material – also gewissermaßen zerstört, zerlegt, radiert, verworfen bzw. wieder ergänzt, neugestaltet, vervollständigt, perfektioniert und neuinterpretiert – die Idee einer Evolution.

Die so entstandenen Konstrukte sind im wahrsten Sinne vielschichtig. Mal haben sie Gesichter und zeigen sich dem Betrachter als Individuum, mal sind sie ohne Antlitz oder partiell kreiert. In der Verkleidung und im Rollenspiel wird die Selbstkritik zur Selbstreflexion. Im Hinterfragen, der eigenen Rollen im Ist- Soll- und Möchte- Zustand, tun sich Wege und Türen auf, die uns auch als Gesellschaft dienlich sind. Was in den so entstehenden Malereien optisch wie ein Übereinanderstülpen von Kostümen anmuten mag, kann thematisch im spielerischen Prozess auch als einen Schlüssel zur Selbstfindung verstanden werden. Etwas, dass uns flächendeckend noch fehlt. Die Kunst bietet in verschiedenster Form Ansätze dazu.

Stefan Kreiger´s Malereien wohnt ein geheimnisvoller Habitus zum Tragikomischen inne und so sind sie nichts anderes als Spiegel unserer selbst und möchten uns begleiten auf dem Weg in diese wie auch immer geartete Zukunft, die im Clusteruniversum ja immer gerade jetzt passiert.

Text: Gabe R. Ash

DATUM

15.09. – 15.10.2021