topsy turvy . Josef Schwaiger


27|07|2017 - 25|08|2017





Josef Schwaiger
topsy turvy

Eröffnung: Mi, 26.7.2017, 19 Uhr
Einführung: Günther Holler-Schuster (Neue Galerie Graz)
Ausstellungsdauer: 27.7.– 25.8.2017
Öffnungszeiten: Di - Fr 18-20 Uhr

Malerei und Gegenstand.
Zur Eigenpräsenz von Farbe und Form bei Josef Schwaiger

In der Malerei Josef Schwaigers tauchen wir ein in vielschichtige Farbebenen unterschiedlichster Nuancen und Schattierungen, ausgebreitet in völliger Abstraktion. Diese Farbräume sind streng genommen nicht einmal abstrakt – während in der Abstraktion der Gegenstand als Referenzpunkt der Loslösung noch eingeschrieben ist, sind die Bilder Josef Schwaigers von vornherein ohne jegliches äußere, abwesende Bezugsfeld angelegt. Die Bilder sind, was sie sind: Pigmente in Acrylharz auf Leinwand. Über den homogen ineinanderfließenden Flächen schweben keine Zeichen und Symbole, die verdichtete und konzentrierte Oberfläche bietet keinen Raum für Metaebenen. Josef Schwaiger verfolgt eine umfassende Gegenstandslosigkeit gerade in die andere Richtung, in die Tiefe der malerischen Fläche. Wie bei wissenschaftlichen Versuchsanordnungen legt er für seine Leinwände stets den gleichen Ausgangspunkt fest: Auf grundierter Fläche werden sechs willkürlich gewählte Farben in dünnen vertikalen Bahnen nebeneinander aufgetragen, wiederholt in der immer gleichen Abfolge, und von einer abschließenden weißen Fläche überdeckt. Mit seinen Händen reibt der Künstler anschließend die Flächen ineinander, verdrängt einzelne Schichten oder bringt sie wieder zum Vorschein. Der eigentliche malerische Vorgang ist kein Aufbringen von Farbe auf einen Bildträger, sondern das Einwirken auf ein schon vorhandenes Material. Obwohl er unmittelbar mit seinem Körper in den Bildentstehungsprozess eingebunden ist, ist das Resultat dennoch kein impulsiver Ausdruck seiner Individualität. Die künstlerische Geste löst sich durch ihre ständige Wiederholung in einem über Wochen dauernden Arbeitsprozess von jeglicher Expression – die Bewegung verselbstständigt sich zu einer malerischen Spurensetzung aus sich selbst heraus. So wie die Wahl der zugrunde liegenden Farben absichtslos erfolgt, weder nach einem System noch betont zufällig, so verfolgt Josef Schwaiger die Bildentwicklung gleichsam frei von künstlerischen Attitüden, herausgefordert auf einem messerscharfen Grat, die herausgebildeten Formen weder an die gegenständlich-erzählerische noch an die gestisch-expressive Seite zu verlieren. Die aus diesem performativen Akt resultierenden Bildgefüge sind geprägt von einer intensiven Ausgewogenheit, von einer gespannten Balance inmitten all der in der Malerei wirksamen Dynamiken. Das maximale Potential in einem Moment der Stille – wie ein schwingendes Pendel am Umkehrpunkt im labilen Gleichgewicht der fliehenden und anziehenden Kräfte.

Das gegenstandslose Bild, das kein Fenster mehr öffnet in illusionistische Bildräume, tritt in seiner Materialität in Erscheinung. Josef Schwaiger steigert diesen Realitätsanspruch durch einen Malprozess, der den schöpferischen Status des Künstlers unterläuft. Durch die Ausklammerung einer am formalen Ergebnis orientierten gestalterischen Intention werden selbst stilgeschichtliche Referenzen gekappt, das Bild bleibt Objekt, freigespielt von Bedeutung und Ausdruck. Diesen Objektstatus seiner Werke radikalisiert Schwaiger bis in die kleinste Ebene: die Farbpigmente werden hier nicht nach ihrer optischen Erscheinung zusammengeführt, sondern sie ordnen sich selbst gemäß ihrer physikalischen und chemischen Eigenschaften. In dem speziellen Arbeitsprozess entscheidet das spezifische Gewicht oder die Größe des einzelnen Pigments, ob es aufschwimmt oder in den anderen untergeht. Auf bemerkenswerte Weise tritt das Bild somit auch aus dem Bezugsfeld der unmittelbaren Wahrnehmung. Nicht zuletzt darin liegt die Einzigartigkeit der Malerei Josef Schwaigers, dass er die Bildfläche komprimiert, buchstäblich mit seinen Händen jeglichen Bedeutungs- und Referenzraum verdrängt, nicht nur bis die Farbe an sich in ihrer Materialität auf dem Bildträger erscheint, sondern bis sich in dieser molekularen Oberfläche schließlich ein neuer, unendlicher Raum des Mikrokosmos eröffnet. …

Johannes Holzmann